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ARSCHKALT
Der Film im Internet: www.arschkalt-derfilm.de
Das Buddy- und Roadmovie "Arschkalt" weist mit Sarkasmus und Ironie karikierend auf Lebenslügen, Vorurteile und Banalitäten des Alltags hin. In der rabenschwarzen, norddeutschen Provinzposse um zwei gescheiterte Handelsreisende in einem Tiefkühllaster überzeugen vor allem die beiden Hauptdarsteller Herbert Knaup und Johannes Allmeyer ("Vincent will meer") auf ihrer zunächst tristen Suche nach Lebenssinn und Lebensfreude. Lakonisch thematisiert Regisseur André Erkau in seinem zweiten Spielfilm die Bedeutung von Selbstachtung, Freundschaft, Liebe und Tod.
Nur so kann er die Lüge aufrechterhalten, dass er immer noch stolzer Fabrikbesitzer ist und das Lebenswerk seines Vaters getreulich fortsetzt. Desillusioniert, seine Frau hat ihn längst verlassen, möchte der Grantler nur noch seine Ruhe. "Manchmal wünschte ich mir, ich wäre ein Fischstäbchen", verrät der frustriert verstockte Handelsreisende den Zuschauern seine Gedanken, während die Leinwand scheinbar vereist und eingefrorene Fischstäbchen schemenhaft unter Eiskristallen auftauchen. "Früher oder später würde ich in der Pfanne landen, aber bis dahin hätte ich wenigstens meine Ruhe". Mit der Ruhe ist es freilich vorbei. Sein neuer Beifahrer, der aufgedrehte Ex-Friseur Tobias Moehrer plappert unentwegt und nervt ihn mit esoterischen Sprüchen, die er auf Teebeuteln findet. Aber auch der nach außen hin optimistische Sunnyboy hat sein Päckchen zu tragen.
Das ständige Unterwegssein, die Suche nach Lebenssinn trotz Scheitern und Lebenslügen bestimmt den Gestus des witzigen Roadmovies, dessen Dramaturgie sich an der langsam entstehenden ungewöhnlichen Männerfreundschaft und den daraus resultierenden episodenhaften, turbulenten Erlebnissen orientiert. Obwohl es der humorvollen Tragikomödie nicht an genretypischen Klischees wie rasanten Verbalattacken oder alkoholbedingten Lebensbeichten und skurrilen Gags fehlt, gibt es manchmal kleine dramaturgische Durchhänger. Streckenweise ist die Inszenierung etwas zu vorhersehbar. Aber dem Schauspielerduo Knaup-Allmeyer gelingt es dann doch, mit tatkräftiger Unterstützung des komödiantischen Potentials der patenten Darstellerin Elke Winkens, sich darüber hinwegzuretten.
Eine der besten Szenen zeigt das Trio völlig losgelöst auf einem aufgeblasenen Iglu aus Plastik. Längst avancierte der gebürtige Allgäuer Herbert Knaup zur festen Größe im deutschen Film. Der gestandene Wahlberliner spielte kauzige Kommissare, aalglatte Karrieristen, Bankiers bis hin zum langsam alternden deutschen Dichterfürsten Goethe. Dabei kann der vielseitige Mime mit seinem pointiertem Spiel auch überraschend komisch sein. Das bewies der 54jährige, der seinen Durchbruch auf der Leinwand mit Dominik Grafs Kinothriller "Sieger" feierte, nicht zuletzt in Maggy Perens Komödie "Stellungswechsel" oder im verfilmten bayerischen Volksstück "Die Geschichte vom Brandner Kasper". Auch sein Gegenspieler Johannes Allmeyer begeisterte mit dem Kino-Überraschungshit "Vincent will meer" in der Rolle als Zwangsneurotiker ein Millionenpublikum.
Mit dieser Paarkonstellation seiner Helden gelang Regisseur André Erkau ein stimmiger Besetzungscoup. Bereits in seinem preisgekrönten Spielfilmdebüt "Selbstgespräche" über die Einsamkeit von Call-Center-Agenten verfolgte der ehemalige Theaterschauspieler mit sensibler Ironie sogenannte gescheiterte Existenzen, die sich nicht unterkriegen lassen. Auch diesmal enthüllt der 42jährige bei aller Lakonie und Witz mehr und mehr auch die Tragik seiner Figuren. Gleichzeitig plädiert sein Film dafür trotz aller beruflichen und privaten Tiefschläge verletzlich zu bleiben und sich nicht emotional abzuschotten. Und so zeigt seine Mischung aus Witz und Depression am Ende folgerichtig eine hoffnungsvolle Perspektive, für die es sich lohnt aus der emotionalen Erstarrung zu erwachen. Angemerkt sei noch, dass die Rezeptur und Grundidee des norddeutschen Roadmovies stark an den österreichischen Kultfilm "Indien" erinnert. In dieser grandiosen, dialogstarken Monsterkomödie mit dem begnadeten Kabarettisten Josef Hader geht es dann freilich ungleich derber, provokanter und noch authentischer zu.
Quelle: Luitgard Koch, Programmkino.de |