BARFUSS AUF NACKTSCHNECKEN

Frankreich 2010
Originaltitel: Pieds nus sur les limaces
Regie: Fabienne Berthaud
Darsteller: Diane Kruger, Ludivine Sagnier, Denis Ménochet, Brigitte Catillon, Jacques Spiesser, Jean-Pierre Martins, Anne Benoît
Länge: 103 min.
FSK: ab 12

Der Film im Internet: www.barfuss-auf-nacktschnecken.de



Kinotrailer von Filmtrailer.com

Die blonden Schwestern Lily und Clara könnten unterschiedlicher kaum sein. Clara, die ältere, lebt das grau-weiß-geradlinige Leben einer Anwaltsgattin. Sie ist immer akkurat gekleidet in vernünftigen Röcken und seriösen Blusen. Sie bewahrt Haltung und kann auch noch in unangenehmen Situationen freundlich und verbindlich sein. Ihre Möbel sind eckig, modern und spärlich. Ihre Ehe ist mustergültig. Ihre kleine Schwester Lily ist das genaue Gegenteil: sie liebt ultrakurze Flickenkleider und beiläufigen Sex, sie sagt, was sie denkt mit der Impulsivität und Rücksichtslosigkeit eines kleinen Kindes und sie verbringt ihre Tage damit, selbstvergessen Pantoffeln und Kunst aus Pelz zu basteln und in der Natur um den heimatlichen Hof herumzustrolchen. Der Hof ist ihr Schutzraum – in einem ‚normalen' Alltag mit 40-Stunden-Woche, Steuererklärungen, Heizkostenrechnungen und Höflichkeitslügen wäre sie nicht lebensfähig.

Als die Mutter unerwartet stirbt, bricht Lilys Schutzraum zusammen und Clara muss sich um die kleine Schwester kümmern. Zunächst empfindet Clara das vor allem als Belastung. Sie muss ihre Stadtwohnung verlassen und aufs Land ziehen, da Lily alleine verwahrlost und vereinsamt – zumindest nach bürgerlichen Maßstäben. Clara muss den Haushalt schmeißen und sich dann noch von der Schwester sagen lassen, dass sie unglücklich und verklemmt sei. Eine Abschiebung der Schwester ins Heim hängt in der Luft. Doch nach und nach lässt sich Clara immer mehr auf Lilys Welt und Rhythmus ein und entdeckt dabei ihre eigene lang verschüttete Fähigkeit zu Genuss und Spontanität.

Lilys kindlich-verzauberte Welt der eindeutigen Gefühle und magischen Gegenstände spiegelt sich in dem verspielten Szenenbild der Künstlerin Valérie Delis wieder: in den knallbunten Kinderkleidern, die Lily bevorzugt trägt, in den sonderbaren Gegenständen, die Lily aus Pelz, Krallen und Filz baut und in den Installationen aus Puppenteilen, Stofftieren und Häkeldecken, die Lily in ihrer Werkstatt baut und im Wald verstreut. Trotz der meist guten Laune Lilys, der immerfort strahlenden Sonne und der leuchtenden Farben von „Barfuss auf Nacktschnecken“ wohnt Lilys Welt aber auch eine dunkle Seite inne. Erhängte Teddys, ausgestopfte Tiere und verstümmelte Puppen sprechen von Gewalt und Tod. Lilys unverblümte Direktheit selbst laviert zwischen charmanter Naivität, Grausamkeit und Erpressung, etwa wenn sie ihrem Schwiegervater ins Gesicht sagt „Du hast eine böse Frau, du solltest dich scheiden lassen.“ Oder wenn sie ihrer Schwester selbstmitleidig vorwirft „Immerhin hast du jemanden, der dich liebt“ und sie damit zum Bleiben zwingt.

Und so erzählt „Barfuss auf Nacktschnecken“ weniger von einer tatsächlichen Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen als von dem Wunsch danach. Einem Wunsch, der sich seiner Kehrseite wohl bewusst ist. Eine Brücke zwischen Claras und Lilys Welt scheint nur in einer Richtung möglich: um zu ihrer Schwester zu gelangen muss Clara ihre eigenen Bindungen an die bürgerliche Welt aufgeben und zu einem Teil der „verrückten Schwestern“ werden. Sie tut es gern.

Quelle: programmkinpo.de

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