| Mademoiselle Chambon
Frankreich 2009
Regie: Stéphane Brizé
Darsteller: Vincent Lindon, Sandrine Kiberlain, Aure Atika, Jean-Marc Thibault, Arthur Le Houérou
Länge: 101 Minuten
FSK: 0 Jahre
Mit „Mademoiselle Chambon“ seinem bittersüßen Beziehungsdrama aus der französischen Provinz, gelingt Regisseur Stéphane Brizé ein weiteres Meisterwerk des leisen Erzählens und der Zwischentöne. Konsequent zelebriert der 44jährige Franzose subtil den Reiz des Schweigens, die Symbolik von Gesten und Blicken und inszeniert so Leidenschaft ohne sentimentales Pathos. Vor allem die hervorragende Besetzung mit dem inzwischen getrennten Schauspielerpaar Sandrine Kiberlain und Vincent Lindon verleiht seiner auf den ersten Blick unspektakulären Liebesgeschichte den Charme einer empfindsamen Romanze.
Als Blitz und Donner, als Coup de foudre, beschreibt die französische Seele die Liebe auf den ersten Blick: das Instant-Erlebnis, die unmittelbare Erkenntnis, die plötzliche Agonie des gerade noch gelebten Lebens und die Aussicht auf ein neues. In der sonnendurchfluteten Provence, trifft den verheirateten Maurermeister Jean (Vincent Lindon) dieser Blitzschlag der Liebe nachdem er zufällig der Grundschullehrerin seines Sohnes begegnet. Veronique (Sandrine Kiberlain), die junge Pariserin, die nur für kurze Zeit eine Vertretung in der Provinzschule angenommen hat, löst bei dem Wortkargen eine Flutwelle von Gefühlen aus, die er sich zunächst gar nicht eingestehen mag.
Schließlich lebt Jean mit seiner sympathischen Frau Anne Marie (Aure Atika) und seinem Sohn einen ruhigen, beschaulichen Alltag und keine eintönige Routine. Der Bauarbeiter liebt seinen Beruf. Das ist auch zu spüren, als er vor der Klasse seines Sohnes über seine Arbeit spricht. „Ein Haus“, erklärt der Arbeiter anschaulich den Kinder, „braucht ein gutes Fundament“. Danach begleitet er Veronique nachhause, übernimmt den Auftrag eines ihrer kaputten Fenster zu reparieren und findet sich in einer anderen Welt wieder. Ihr Geigenspiel berührt ihn. Und auch die Lehrerin fühlt sich zu trotz aller Standesunterschiede zu ihm hingezogen.
Obwohl die beiden sich qualvoll umkreisen, immer wieder vor ihrer eigenen Courage erschrocken zurückweichen, stellt sich am Ende die unausweichliche Frage „Bleiben oder gehen“. Eine Entscheidung, die beide treffen müssen. Denn die moderne Freiheit macht es den Menschen nicht immer leichter. Im Gegenteil, sie macht es ihnen oft erheblich schwerer. Sie zwingt die Liebenden, den richtigen Gebrauch von ihrer Freiheit zu machen: Sie müssen den Augenblick des Gefühls „ergreifen“ und ihr Begehren in die Dauer der Liebe verwandeln. Sie müssen - wählen.
Doch bis dahin webt Regisseur Stéphane Brizé mit traumwandlerischer Sicherheit und Empfindsamkeit Sequenz für Sequenz zerbrechliche Metaphern des Begehren und der Liebe in Bilder. Was das Innenleben seiner Akteure angeht, arbeitet der 44jährige Filmemacher und Schauspieler, dessen Debütfilm „Man muss mich nicht lieben” als Arthouse-Entdeckung der Saison galt, lieber mit Andeutungen, mit Ellipsen und Retardierungen. Auf den ersten Blick unspektakulär und tempoarm zeigt er, verliebt in die Irrungen und Wirrungen, verhaltene Gefühle, verlegene Annäherungen, aufbrechende Sehnsüchte. Trotzdem ist ihm der voyeuristische Blick fremd.
Sein langsames Erzähltempo gibt dem einstigen Schauspielerehepaar Vincent Lindon und Sandrine Kiberlain Zeit, glaubwürdig mit wenig Worten, sparsamen Gesten und zurückhaltender Mimik, die intensiven Gefühle der beiden Hauptfiguren und den dadurch hervorgerufenen heftigen Konflikt auszudrücken. In diesem perfekten Zusammenspiel der beiden entfaltet diese bittersüße Beziehungsgeschichte eine leise Authentizität und lakonische Balance.
Nicht nur beim Blick der Kamera auf die schlafende Veronique erinnert sein romantisches Drama streckenweise an den opulenten Farbfilm „Claires Knie“ von Eric Rohmer, der dem verstorbenen Altmeister des Authentischen 1970 den internationalen Durchbruch bescherte. Auch in seinem Filmzyklus „Moralische Erzählungen“ waren es die Männer, die im Durcheinander der amourösen Optionen zu straucheln drohten. Gleichwohl bleibt Rohmers Handschrift natürlich unnachahmlich.
Als Referenz für die Begegnung zweier Menschen, die sich verpasst haben, hatte Brizé freilich das Drama um verlorene Liebe und unerfüllte Träume „Die Brücken am Fluss“ von Clint Eastwood im Kopf. Besonders die Szene, bei der Meryl Streep den Griff der Autotür hält, als sie sich entscheiden muss ob sie geht oder bleibt, hat es ihm angetan. Mit der letzten Einstellung seines Films, kommt er diesem eindringlichem Bild doch schon sehr nahe.
Quelle: programmkino.de, Luitgard Koch
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